Online „astroturfing“ weiter fortgeschritten und stärker automatisiert

Robot Wars

Original (Englisch) von George Monbiot. Veröffentlicht im Guardian 23. Februar 2011 (Übersetzung: Gordian Hense, mit Genehmigung des Autors)

Jeden Monat ergeben sich mehr und mehr Beweise, dass viele Kommentare in Threads, Foren oder Blogs im Internet nicht von den Benutzern stammen von denen man glaubt das sie sind.

Die Anonymität des Internets bietet Unternehmen und Regierungen beste Möglichkeiten „astroturf“ – Operationen auszuführen (astroturf siehe Wikipedia). Zum Beispiel gefälschte „Grassroot“ – Kampagnen, die den Eindruck erwecken sollen, dass eine große Zahl von Menschen bestimmte Dinge fordern oder gegen bestimmte Maßnahmen sind. Diese Täuschung ist am wahrscheinlichsten, wenn die Interessen von Unternehmen oder Regierungen im Konflikt mit den Interessen der Öffentlichkeit stehen. Zum Beispiel gibt es eine lange Geschichte der Tabakindustrie, die „astroturf“ – Gruppen geschaffen hat, um gegen die Regulierung des Tabakkonsums vorzugehen (a.d.R. z.B. Verbot in Restaurants).

Nachdem ich im Dezember letzten Jahres das letzte mal über „astroturfing“ geschrieben hatte, kontaktierte mich ein neuer Informant. Er war als Teil eines kommerziellen Teams eingesetzt, um im Internet in Foren und Kommentaren, im Auftrag von Firmenkunden, gegen jeden vorzugehen, der gegen die Interessen der Firmen war die ihn beauftragt hatte. Wie die anderen Mitglieder des Teams, stellte er sich selber als Privatperson mit uneigennützigen Interessen dar. Oder besser gesagt, stellte er sich in mehreren verschiedenen Profilen so dar. Er benutzte 70 unterschiedliche Identitäten und Profile, einmal um selber nicht identifiziert werden zu können und weil er den Eindruck erwecken wollte, dass eine grosse Gruppe an Menschen seiner Meinung war. Ich werde mehr über diesen Fall berichten, wenn meine Nachforschungen und Überlegungen zu diesem Fall abgeschlossen sind.

Aber es scheint so, als ob dieses Vorgehen in weiten Teilen stärker verbreitet ist, noch raffinierter und oftmals vollkommen automatisiert ist, als die meisten je geahnt hätten.

Software erzeugt hunderte Online-Profile für Manipulation

E-Mails, die von politischen Hackern, von einem US – Internet – Sicherheitsunternehmen namens „HB Gary Bundes“, empfangen wurden, legen nahe, dass eine bemerkenswerte, technologische Waffenkammer bereitgestellt wird um die Meinungen von echten Menschen im Internet durch manipulierte Meinungen zu übertönen.

Wie der „Daily Kos“ berichtete, zeigen die E-Mails folgendes:

  • Unternehmen oder Regierungsstellen nutzen zunehmend „Personen – Management – Software“, die die Bemühungen von „astroturf“ für sie multipliziert. Damit kann automatisiert der Eindruck erweckt werden, dass es eine große Zahl von Unterstützern für das gibt, was das Unternehmen oder die Regierungsstelle verfolgt.
  • Diese Software erstellt das gesamte Online-Inventar, einer realen Person, die sie sonst im wahren Leben auch besitzen würde: einen Namen, ein E-Mail-Konto, eine Web-Seite und Social Media Accounts. Mit anderen Worten, sie erzeugt automatisch, authentisch aussehende Benutzerprofile und macht es damit schwer, den Unterschied zwischen einem virtuellen Roboter der Kommentare schreibt und einem echten, menschlichen Kommentator zu finden.
  • Diese Fake-Accounts können automatisch neue Nachrichten oder Links zu anderen Inhalten, Webseiten, ect. Senden. Sie verstärken damit den Eindruck, dass die Kontoinhaber tatsächlich real und aktiv sind.
  • Menschliche „astroturfer“ können diese automatisch erzeugten Profile dann zugewiesen werden, um ihnen eine Hintergrundgeschichte, eine Vita im Netz zu verschaffen. Für andere sieht es so aus, als ob sie schon seit Monaten z.B. Re-Tweeten, also eine echte Vita, eines Menschen, vor sich haben. Niemand würde vermuten, dass sie ganz neu in der Szene sind und ihre Aktivität nur zu dem Zweck der Manipulation durchführen. Zum Beispiel des Angriffes aud einen Artikel über die Klimaforschung oder gegen neue Kontrollen von Salz im Junk-Food.

Mit dem geschickten Einsatz von Social Media Accounts kann man im Bereich „astroturf“, laut der Sicherheitsfirma, den Anschein erwecken, als ob eine Person auf Konferenzen war und sie selbst so darstellen, als ob sie eine ganz wichtige Person in diesem Bereich ist. „Es gibt im Bereich Social Media eine Vielzahl von Tricks, die wir verwenden können um die Darstellung von fiktiven Personen so real wie möglich erscheinen zu lassen“ wird aus den Emails zitiert.

Ausschreibung der US Air-Force für Software zur Benutzung für Online-Astroturfing

Aber, die wohl interessanteste Nachricht zum Thema ist. Die US Air-Force hat eine Ausschreibung lanciert, bei der „Personen – Management – Software“ folgende Aufgaben ausführen soll (siehe auch PDF-Anhang):

  1. Automatisch „Erstellung von 10 Benutzerprofilen, mit umfangreichen Hintergrundinformationen, einer Geschichte (Vita), unterstützenden Details und Cyber – Präsenzen, die technisch, kulturell und geografisch in Einklang stehen. Diese Benutzerprofile müssen aus fast jedem Teil der Welt stammen können und durch herkömmliche Online-Dienste und Social Media Plattformen interagieren.“
  2. Automatische Änderung der IP-Adressen der unterschiedlichen Benutzer-Profile (astroturfers). Diese sollen täglich gewechselt werden um die tatsächliche Identität des Absenders zu verschleiern. Weiterhin soll der Datenverkehr der Benutzer mit dem Datenverkehr von Benutzern ausserhalb der Organisation gemischt werden um eventuelle Beteiligungen abstreiten zu können.
  3. Weiterhin soll es möglich sein statische IP-Adressen für diese Benutzer-Profile zu verwenden, so das unterschiedliche “astroturfers“ im Laufe der Zeit, wie ein und dieselbe Person erscheinen. Gleiches soll für gefakte Organisationen gelten.

Software und Vorgehensweisen wie diese haben das Potential, das Internet als Forum für konstruktive Debatte zu zerstören. Es ist eine Verhöhnung der Online-Demokratie.

Kommentare in Blogs und Threads in Foren werden heute schon von einer Heerschar an Trollen für kommerzielle Aktivitäten genutzt, was man auf den Guardian Seiten immer wieder beobachten kann. Das Internet ist ein wunderbares Geschenk, aber es ist auch eine Goldgrube für Lobbyisten, viralen Marketing-Gurus und Regierungs-Agitatoren, die im Cyberspace ohne Regulierung, Verantwortlichkeit oder Angst vor Entdeckung, operieren können.

Also lassen Sie mich meine Frage wiederholen, die ich in früheren Artikeln bereits gestellt habe und die immer noch nicht befriedigend beantwortet wurde: Wie sollen wir diese Taktiken bekämpfen?

Weitere Informationen zum Thema:

http://www.monbiot.com/2011/02/23/robot-wars/

http://www.smartplanet.com/blog/thinking-tech/online-astroturfing-gets-sophisticated/6349

http://www.corporatewatch.org/?lid=4437

5 Gedanken zu „Online „astroturfing“ weiter fortgeschritten und stärker automatisiert“

  1. uff, das ist erst einmal ein Schlag in die Magengrube. Dsas die Manipulation soweit greift, setzt mich außer Gefecht. Da bleibt doch nur noch die Möglichkeit, dass Profile selbst zertifiziert werden müssten. Sicher, auch das ließe sich wieder kaschieren. Müssen wir ggf. doch unsere elektronische Identität des Staates wie beim neuen Personalausweis einsetzen, um alle Zweifel zu beseitigen. Auf der anderen Seite sind die Cyber-Fans auch wieder gegen diese Funktion des Personalausweise. Aber wie sollte man sich sonst gegen diese Art der Manipulation erwehren?

  2. Google hat versucht oder ist dabei, bei Google+ nur noch User zuzulassen, die sich mit ihrem richtigen Namen registriert haben. Hat ein User z.B. einen AdWords-Account musste er sich sowieso schon überprüfen lassen. Post-Adressen-Check etc. Das halte ich auch für gut. Dann werden Diskussionen und Beiträge auch etwas ruhiger und angenehmer zu lesen. Die ganzen derben Wörter fallen schnell weg. Nur einigen Zeitgenossen gefällt es nicht, dass sie dann nicht mehr anonym Meinungen verbreiten können.

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