Das Desaster der sterbenden Normung

Normung bezeichnet die planmäßigen Vorgänge und Tätigkeiten zum Schaffen und Inkraftsetzen von Regelungen, mit denen materielle Gegenstände und immaterielle Verfahren vereinheitlicht werden.

So wird in Wikipedia die Normung definiert. Worauf aber in diesem Kapitel nicht eingegangen wird ist, warum Normungen durchgeführt werden und warum sie für die Gesellschaft wichtig sind.

Anfang des neunzehnten Jahrhunderts wurden in den grossen Industrienationen in Europa Institute zur Normung geschaffen. Daran beteiligt war der Staat und die Wirtschaft. Sie hatten ein nahe liegendes Ziel. Mit der zunehmenden Industrialisierung der Wirtschaft wurde es sinnvoll bestimmte Standards einzuführen, an denen sich möglichst alle beteiligten.

Ein Beispiel: In der Möbelindustrie wurden die Masse für Einbaugeräte vereinheitlicht. So konnten alle Einbaugeräte – Hersteller sich auf bestimmte Masse für die Produktion konzentrieren und die Geräte wurden, durch die dadurch entstehende Stückkostenreduzierung, billiger. Mehr Menschen konnten sich danach Einbaugeräte in ihrer Küche leisten. Die Küchen-Industrie profitierte davon, dass ihre Küchen-Kunden unter vielen verschiedenen Geräten auswählen konnten. Das war vorher nicht so. Die Küchen-Industrie profitierte davon, dass sie sich auf bestimmte Baumasse einstellen konnte. Küchen wurden dadurch billiger und es konnten sich mehr Kunden Küchen leisten. Die Normung dieser Einbau-Masse hat also vielen Parteien ein besseres Leben beschert. Heute würde man wohl sagen , es entstand eine „Win-Win-Win“-Situation.

Diese Vereinheitlichung der Einbaugeräte-Masse wurde dadurch möglich, da es eine staatliche Institution gab, die die von Gremien aus Industrie, Wirtschaft und Forschung erarbeiteten Regeln in Normen festhielt und veröffentlichte. Unternehmen stellten ihre Fachleute für die Gremien zur Verfügung somit konnten sie die Vereinheitlichung massgeblich beeinflussen und ihr Fachwissen einfliessen lassen. Andere Unternehmen profitierten davon, in dem sie sich die Normen bei dem Institut holten und ebenso einhielten. Die beteiligten Unternehmen hielten die Normen ein und bald waren sie Standard. Dieses System war also für die gesamte Gesellschaft von Vorteil.

Der Nachteil war, dass Unternehmen aus dem Ausland keinen Einfluss auf die Definitionen hatten und durch Strategien der inländischen Teilnehmer ausgebootet werden konnten. Deshalb entstanden schnell internationale Normen, in die oft die nationalen übernommen wurden.

Viele Normen gelten schon seit Jahrzehnten und nützen den jeweiligen Branchen und Konsumenten erheblich.

Die Ansicht vieler Vorstände und Aufsichtsräte – nur mit Kostensenkungen  erfolgreich zu sein – hat uns viele Kostensenkungsmassnahmen beschert. Die letzten Jahrzehnte waren in Europa und den USA von Unternehmensverwaltern geprägt, die kein unternehmerisches Risiko mehr eingehen wollten. Anstatt mit guten Ideen und Ehrgeiz die vorhandenen Ressourcen auszunutzen und mehr Umsatz erzielen zu wollen, haben sie alles eingespart was ihnen überflüssig vorkam. Dazu zählt auch immer mehr die Normenarbeit der entsprechenden Mitarbeiter aus den beteiligten Unternehmen.

Ja, mehr noch, die Industrie ignoriert neue mögliche Tätigkeitsfelder für die Normung ganz bewusst um aus den Konsumenten noch mehr heraus zu holen. Der Bürger ist der Dumme.

Ein Beispiel: Die Verpackungsindustrie unterliegt fast keinen Normen. Kartons, Transportbehälter, Tüten, Umkartons ja sogar Paletten oder Container sind nicht richtig genormt. In vielen Fällen wird dadurch mehr Luft transportiert als die Produkte selber Volumen haben. Das Frachtaufkommen, auch durch diesen Wildwuchs bedingt, wird in den nächsten Jahrzehnten solche Wachstumsdimensionen haben, wie wir sie uns heute noch nicht vorstellen können. Die beiden rechten Spuren der dann auf sechs Spuren ausgebauten Autobahnen werden Stossstange an Stossstange Lastwagen aufweisen und das Tag und Nacht, 24 Stunden jeden Tag. Würde man heute eine Normgrösse für Verpackungen, ähnlich dem Papierformat A4, A3, A2 etc. schaffen und durchsetzen, könnte man vermutlich Kosten in Milliardenhöhe einsparen. Nur wer hat daran ein Interesse?

Die gesamte Logistikbranche könnte Kosten in Milliarden einsparen. Lagerraum, Transportbänder, Verpackungsstationen, Material könnte auf einheitliche Masse reduziert werden. Nur wenn Bürger und Politiker sich nicht rühren, wer hat dann ein Interesse daran?

Ein ganz aktueller Fall ging kürzlich um die Welt. Einige Leute verlangten doch von allen Handy-Herstellern einheitliche Ladegeräte und Kabel inklusive einheitliche Stecker dafür. Fast jedes Handy hat heute ein unterschiedliches Stromladegeräte und unterschiedliche Kabel und Stecker dafür. Die Zubehör-Industrie freut das ungemein, die Kunden aber nicht. Es werden unendlich viele Ressourcen vergeudet um diesen Wildwuchs zu betreiben. Das was an Kostensenkungen in den Unternehmen eingespart wird, wird an anderer Stelle aufgebaut, nur der der das bezahlt ist ein anderer.

In vielen Bereichen, die uns im täglichen Leben ständig begegnen, bei denen wir aber nicht sehen, dass viel Normenarbeit in ihnen steckt und jeder Einzelne davon profitiert, werden die Mitarbeiter für die Normenarbeit abgebaut oder es werden ihnen andere Aufgaben übertragen. Heutige Vorstände, Verwalter und Bereichsleiter von Unternehmen betrachten diese Arbeit als sinnlos. Ich weiss wovon ich rede, kann ich es doch regelmässig in einem grossen Konzern mit verfolgen. Es ist aber genau das Gegenteil von „sinnlos“.

Es wird dringend notwendig, dass sich auch Politiker stärker in dieses Thema einbringen, denn letztlich sind sie die Einzigen die das Wohl des Bürgers vertreten und für den währe eine Ausweitung und stärkere Umsetzung der Normung nachhaltig Positiv. Es entstehen heute jeden Tag neue Produkte und Dienstleistungen, nur Normen die für mehr Effizienz sorgen würden, werden abgebaut.

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